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Stamzellentherapie
#1
Multiple Sklerose: Riskante Stammzelltherapie kann Progredienz über Jahre stoppen
Dienstag, 21. Februar 2017
[Bild: img136872378.jpg]
Stammzelltherapie der Multiplen Sklerose (MS) besteht aus einer Chemotherapie und der anschließenden Infusion von Stammzellen dpa
London – Die autologe Stammzelltransplantation soll durch einen Neustart des Immunsystems Patienten mit Multipler Sklerose langfristig vor einer Progression der Behinderungen schützen. In der bislang größten retrospektiven Kohortenstudie, deren Ergebnisse jetzt in JAMA Neurology (2017; doi: 10.1001/jamaneurol.2016.5867) veröffentlicht wurde, blieb fast die Hälfte der Patienten über fünf Jahre ohne Krankheits­progression. Es kam jedoch zu mehreren Todesfällen.
Die Stammzelltherapie der Multiplen Sklerose (MS) besteht aus einer Chemotherapie und der anschließenden Infusion von Stammzellen, die vor der Chemotherapie aus dem Blut oder Knochenmark der Patienten isoliert wurde. Die Behandlung soll das Immun­system in den Zustand vor Ausbruch der Autoimmunerkrankung zurückversetzen. Die Erwartung ist, dass die Abwehrzellen, die sich aus den Stammzellen regenerieren, die Myelinscheiden der Nerven im Zentralnervensystem nicht angreifen und die Patienten damit von weiteren Behinderungen verschont bleiben.

Die Chemotherapie vernichtet allerdings sämtliche Abwehrzellen, weshalb die Patienten bis zum Aufbau eines neues Immunsystems schutzlos gegen Infektionen sind. Es war von Anfang klar, dass dies zu Todesfällen führen kann, was bei einer chronischen Erkrankung wie der MS, die das Leben der Patienten nicht akut gefährdet, auch aus ethischen Gründen bedenklich ist.
Die Behandlung wurde in den letzten 16 Jahren in 13 Ländern an 15 Zentren bei 281 Patienten durchgeführt. Alle Zentren waren entweder dem amerikanischen CIBMTR („Center for International Blood and Marrow Transplant Research“) oder der europäischen EBMT-Gruppe (European Blood and Marrow Transplant) angeschlossen. Die Patienten wurden im Durchschnitt über 6,6 Jahre nachbeobachtet. Die meisten Patienten (218 von 281) litten an einer progredienten Form der MS.
Wie Paolo Muraro vom Imperial College London und Mitarbeiter berichten, starben acht Patienten (2,8 Prozent; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,0-4,9 Prozent) in den ersten hundert Tagen nach der Transplantation. Die Todesursachen konnte Muraro in sechs Fällen recherchieren: Zwei Patienten starben an Infektionen, bei den vier anderen war es zu thromboembolischen Komplikationen, einer Blutung, einer lymphoproliferativen Erkrankung und zu einem Unfall gekommen.
Bis auf den verunfallten Patienten dürften die Todesfälle eine Folge der vorüber­gehenden Immunsuppression gewesen sein. Nach den ersten hundert Tagen starben weitere 29 Patienten. Auch hier gab es fünf Infektionen, drei Krebserkrankungen, eine Pneumonie, einen Tod durch Organversagen und ein Transplantatversagen. Bis auf das Transplantatversagen ist ein Zusammenhang mit der Stammzelltherapie nicht sicher, aber vorstellbar.
Insgesamt neun Patienten sind seit der Behandlung an den Folgen einer MS-Pro­gression gestorben. Dies ist neben dem hohen Anteil der Patienten mit progredienter MS ein Hinweis darauf, dass die Zentren die Behandlung in der Regel auf Patienten mit fortgeschrittener MS beschränkt haben. Der mediane EDSS-Score vor Behand­lungsbeginn betrug 6,5 allerdings bei einer weiten Streuung von 1,5 bis 9 Punkte). Die EDSS-Skala reicht von 0 (normaler neurologischer Befund) bis 10 (Tod).
Das Sterberisiko in den ersten hundert Tagen hing stark von der verwendeten Chemotherapie ab. Zwei Patienten hatten eine hoch intensivierte Chemotherapie mit Busulfan oder eine zusätzliche Ganzkörperbestrahlung erhalten, bei sechs Patienten wurde ein BEAM-Protokoll (Carmustin, Etoposid, Cytarabin und Melphalan) durch­geführt. Nach einer milden Chemotherapie (Cyclophosphamid plus Antithymozyten-Globulin oder Cyclophosphamid plus Fludarabin), die in der CIBMTR-Kohorte jeder dritte Patient erhielt, gab es keine Todesfälle. Nach einer milden Chemotherapie kam es jedoch tendenziell häufiger zu einer späteren Krankheitsprogression.


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