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Chronisch Kranke dürfen Lügen??
#1
4. Juli 2015, 17:37 Uhr
Chronisch krank im Job:Wenn Ehrlichkeit schadet
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Chronisch krank ist nicht behindert, das hat arbeitsrechtliche Folgen.
(Foto: Oliver Killig/dpa)
Soll man sein Leiden im Bewerbungsgespräch lieber verschweigen? Viele chronisch Kranke stehen irgendwann vor dieser Frage. Im Gegensatz zu Behinderten sind sie arbeitsrechtlich kaum abgesichert.
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Als Judith Sommer im Jahr 2014 plötzlich mit Bauchschmerzen und einem rapiden Gewichtsverlust zu kämpfen hat, gerät ihre Welt aus den Fugen. Die Gymnasiallehrerin aus Baden-Württemberg wird in eine Klink eingewiesen, die Diagnose steht bald fest: Morbus Crohn, eine chronische Darmerkrankung, die in Schüben verläuft. Ihr Arzt will sie krankschreiben, sie geht arbeiten. Noch glaubt Sommer, die in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, an eine Fehldiagnose, will nicht ausfallen.
Doch es wird schlimmer. Essen kann sie kaum noch bei sich behalten, die starken Medikamente machen ihr zu schaffen. Im Dezember zieht sie ihren Direktor ins Vertrauen: "Wenn ich während des Unterrichts die Klasse verlassen musste, um die Toilette aufzusuchen, habe ich meine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Ich musste es öffentlich machen", sagt sie.
Ehrlich sein oder lieber schweigen?
Damit sie weiter arbeiten kann, isst Sommer nur noch zwischen 14 und 16 Uhr. Nur so gibt ihr Darm am nächsten Tag Ruhe. Es geht ihr schlecht. Doch sie fehlt im ganzen Jahr nur zwölf Tage - auch nicht mehr als andere Kollegen wegen einer Grippe. Die Quittung für ihren Einsatz erhält sie mit ihrer dienstlichen Beurteilung im Januar 2015. Ihr Vorgesetzter bescheinigt der engagierten Lehrerin, die bisher nur mit Bestnoten geglänzt hat "mangelnde Belastbarkeit" - für Sommer ein Schlag ins Gesicht.
Die Erfahrung, im Beruf zurückgesetzt zu werden, ist für chronisch kranke Menschen keine Seltenheit. In einer Studie des Robert-Koch-Instituts gaben 43 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer im Jahr 2012 an, von mindestens einer chronischen Krankheit betroffen zu sein. Häufig sind es Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen, die ihnen zu schaffen machen - nicht nur privat. Im Job sind sie meist mit dem Vorurteil konfrontiert, nicht belastbar zu sein und ständig zu fehlen. Chronisch Kranke stehen damit vor der schwierigen Entscheidung: ehrlich sein oder lieber schweigen?
Chronisch kranke Bewerber dürfen lügen
"Grundsätzlich sind chronisch Kranke nicht verpflichtet, dem Arbeitgeber ihre Krankheit mitzuteilen", sagt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin. "Eine allgemein gehaltene Frage nach chronischen Erkrankungen im Vorstellungsgespräch ist unzulässig, Bewerber dürfen hier lügen." Der Arbeitgeber könne das Beschäftigungsverhältnis deshalb auch nicht fristlos kündigen oder anfechten. Ein Fragerecht steht ihm nämlich nur dann zu, wenn er ein berechtigtes Interesse an der Beantwortung der Frage hat. Bredereck: "Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn eine Krankheit vorliegt, die so schwerwiegend ist, dass der Arbeitnehmer seine vertraglich geschuldete Arbeitsleistung gar nicht erbringen kann oder wenn etwa wegen einer Ansteckungsgefahr ein Gesundheitsrisiko für Kollegen oder Dritte besteht."
Carola Engler ist Vorstandsmitglied der Deutschen Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung und berät Betroffene in sozial- und arbeitsrechtlichen Fragen. Sie sagt: "Ich rate eher dazu, ehrlich zu sein, auch wenn keine juristische Verpflichtung besteht." Letztlich komme es aber immer auf den Einzelfall an. Dabei spiele vor allem die mögliche Reaktion des Arbeitgebers, aber auch die eigene Persönlichkeit eine Rolle.


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