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Impfung kein Risiko
#1
Impfungen: Kein Risikofaktor für Multiple Sklerose
Dienstag 29.10.2019
Seit Jahren hält sich die Befürchtung, dass Impfungen die Gefahr erhöhen, an Multipler Sklerose zu erkranken. Laut einer neuen Studie deutscher Forscher scheint dieser Zusammenhang allerdings unwahrscheinlich. Eine große Menge an Patientendaten liefert eindeutige Hinweise: Impfungen erhöhen das MS-Risiko nicht.
[Bild: Hapfelmeier_Hemmer_web.jpg]


PD Dr. Alexander Hapfelmeier (links) und Prof. Bernhard Hemmer, Professor für Neurologie an der TUM, Foto: Andreas Heddergott / TUM

Big Data Auswertung zeigt keinen Zusammenhang von Impfen und MS
Prof. Dr. med. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar und Vorstandsmitglied im Ärztlichen Beirat des DMSG-Bundesverbandes hat mit einem Team aus Wissenschaftlern der medizinischen Fakultät und der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) einen großen bevölkerungsrepräsentativen Datensatz der KVB von über 200.000 Personen ausgewertet, darunter mehr als 12.000 MS-Erkrankte. Die Studie wurde in "Neurology" veröffentlicht.
Das Team um Prof. Hemmer untersuchte dabei das Impfverhalten der Bevölkerung im Zusammenhang mit MS. Dabei zeigte sich, dass sich MS-Erkrankte fünf Jahre vor der Diagnose statistisch seltener impfen ließen als Vergleichsgruppen, die keine MS entwickelten. Dies galt für die untersuchten Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken, das Humane Papilloma Virus (HPV), Hepatitis A und B, FSME und Grippe. Bei den drei Letztgenannten fiel der Effekt besonders deutlich aus: Hier ließ sich die Kontrollgruppe deutlich häufiger impfen als die späteren MS-Patientinnen und -Patienten.
Den Autoren zufolge scheint ein Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von MS somit unwahrscheinlich.
Geringere Impfraten bei MS-Erkrankten
"Die Ursachen kennen wir noch nicht. Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem. Solche Effekte zeigen sich auch in unseren Daten. Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab. Letztlich können wir aufgrund der großen Datenmenge klar sagen, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht", erklärt Alexander Hapfelmeier, Erstautor der Studie.
MS-spezifisches Verhalten: Effekt nicht bei Morbus Crohn und Schuppenflechte sichtbar
Die Forscher wollten zudem ausschließen, dass die Ergebnisse ein grundsätzlicher Effekt von chronischen Krankheiten sein könnten. Sie werteten deshalb zusätzlich die Daten von zwei weiteren Patientengruppen aus: Menschen mit der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn und mit der chronischen Hautkrankheit Schuppenflechte. Auch bei ihnen waren die Impfungen fünf Jahre vor ihrer Diagnose erfasst worden.
Diese Patientengruppen ließen sich aber ähnlich oft impfen wie die gesunde Kontrollgruppe. "Die Ergebnisse sind nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten", sagt Prof. Hemmer und ergänzt: "Auch aus anderen Studien wissen wir, dass MS-Erkrankte lange vor Diagnose in ihrem Verhalten und ihrer Krankengeschichte auffällig sind. Sie leiden zum Beispiel häufiger an psychischen Erkrankungen und bekommen seltener Kinder. All das macht deutlich, dass die MS lange vor den neurologischen Symptomen da ist. Wir müssen geeignete Marker finden, um sie früher zu diagnostizieren. Das sehen wir als eine unserer wichtigsten Aufgaben."
Verdacht weiter entkräftet
Schon frühere wissenschaftliche Untersuchungen haben sich mit dem möglichen Zusammenhang Impfungen und MS beschäftigt. Dabei stellten unter anderem Wissenschaftler aus Dänemark fest, dass die HPV-Impfung nicht Multiple Sklerose verursacht. Und schon Ende der 1990er Jahre veröffentlichten Forscher von der Neurologischen Klinik der Berliner Charité Untersuchungsergebnisse, die den Verdacht entkräfteten, dass MS durch die Hepatitis-B-Impfung ausgelöst wird. 
 
Publikationen: Alexander Hapfelmeier, Christiane Gasperi, Ewan Donnachie and Bernhard Hemmer, A large case-control study on vaccination as risk factor of multiple sclerosis, Neurology, July 30, 2019, DOI: 10.1212/WNL.0000000000008012.
Mehr Informationen: Die Daten für die oben genannte Studie stammen von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB). Wichtig waren bei der Auswahl der MS-Gruppe auch die Kriterien: Die Menschen mussten einen Neurologen besucht haben, eine zweimalige MS-Diagnose erhalten haben, in dem untersuchten Fünfjahreszeitraum in Bayern gelebt haben und es durfte in dieser Zeit auch kein Verdacht auf MS in ihrer Krankengeschichte aufgetreten sein. 
Quelle: Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München


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