MS-Verschlechterung vorhersagen?

Ein Biomarker könnte dabei helfen, dass Patient und Arzt im Voraus wissen, wann sich die Multiple Sklerose verschlechtert. Unabhängig von Schüben. Wissensvorsprung für eine passende Behandlung.

NfL, genauer sNfL, also der Neurofilament-Leichtketten-Marker aus dem Blut, könnte die Therapie der Multiplen Sklerose verbessern. Schweizer zusammen mit US-amerikanischen Forscher haben in einer groß angelegten Studie mit mehreren Tausend Patienten über 10 Jahre hinweg entdeckt, dass sich die NfL-Werte 1 bi 2 Jahre vor der Verschlechterung einer MS erhöhen. Das gäbe Spielraum, um rechtzeitig reagieren zu können, vor allem bei Schüben, aber auch bei schubfreiem Krankheitsfortschritt.

Freilich könnte man es sich leicht machen: Einfach alle MS-Patientinnen und Patienten von der Diagnose an mit dem stärksten zugelassenen Wirkstoff behandeln und Punkt. Das wollen jedoch weder Ärzte noch Patienten. Der Grund: Einige Patienten würden überbehandelt, müssten womöglich unnötigerweise teils schwere Nebenwirkungen in Kauf nehmen.

Drohen Behinderungen oder nicht – wenn man’s nur wüsste!

Denen jedoch, die in den kommenden 2 Jahren weitere Symptome und eine Zunahme von Behinderungen zu erwarten haben, helfen genau diese Wirkstoffe. Wenn man’s nur vorher wüsste.

Die sNfL-Werte könnten hier eine Lücke schließen, könnten eine auf den einzelnen Patienten und seine Bedürfnisse ausgerichtete MS-Behandlung in der Zukunft möglich machen. Und er könnte dem Damokles-Schwert, unter dem Menschen mit Multipler Sklerose bisher oft leben, weil sie nicht wissen, wie sich ihre MS entwickeln wird, ob sie ausreichend therapieren oder nicht, einiges an Macht rauben, ganz einfach, weil die individuelle MS besser vorhersagbar und damit besser therapierbar würde.

Beschleunigte Zulassung für sNfL?

Schon heute wird sNfL als Biomarker in Studien eingesetzt, als eine von mehreren Messgrößen, um den Erfolg der getesteten Therapie zu messen. Die FDA (amerikanische „Food and Drug Administration“) gewährte einem der Tests jüngst einen „Break-Through“-Status, was die Zulassung des Tests für progrediente wie schubförmige Multiple Sklerose vermutlich beschleunigen wird.

Gemeinsam und unter Schweizer Leitung hatten die University of California, die Schweizer MS Kohorte und das Unispital Basel Daten von rund 13.000 Patientenproben ausgewertet. Es kam heraus, dass die NfL-Werte sich bei anstehenden Schüben circa 1 Jahr vor dem Schub selbst verschlechterten. Dies war in 91 % der Fälle so. Bei schleichenden Verläufen erhöhte sich der NfL-Wert bei 49 % 12-26 Monate vor der messbaren Verschlechterung. Interessanterweise war der NfL-Wert zum Zeitpunkt der Verschlechterung/ des Schubs selbst nicht erhöht.

sNfL wird auch bei anderen Erkrankungen, etwa ALS, eingesetzt, um die neuronale Schädigung „einfach“ (gemessen an Liquorentnahmen etwa) zu messen. Es ist (theoretisch) denkbar, dass sNfL künftig bei bestimmtem Verdacht oder sogar auch im Rahmen breiterer Blutuntersuchungen mit gemessen wird und somit auch Menschen ohne Multiple Sklerose von dieser Forschung profitieren könnten. Allerdings korreliert der sNfL-Wert mit dem Body-Mass-Index und dem Alter einer Person, muss also in Relation zu diesen Daten betrachtet werden.

Quelle: Finanz und Wirtschaft, 09.11.2023; JAMA, 06.11.2023; Universität Basel, 01.03.2023.

Redaktion: AMSEL e.V., 24.11.2023

Author: mello