MS-Prognose künftig über Augenmessung?

MS-Prognose künftig über Augenmessung?

25. August 2022

Die Optische Kohärenz-Tomografie, kurz OCT, ist im Kommen: Immer mehr Studien legen nahe, dass die Stärke der Netzhaut den künftigen Krankheitsfortschritt vorhersagen kann. Für Patienten eine wichtige Info, um die individuell passende Therapie zu wählen.

Eine verlässliche Methode, um das Ausmaß einer MS-Progression beim einzelnen Patienten abzuschätzen, gibt es bisher nicht als Standard. Multiple Sklerose zählt zu denjenigen chronischen Krankheiten, deren Verlauf man meist erst rückblickend einschätzen kann. Gerade, um die richtige Therapie zu wählen, aber auch um andere Entscheidungen des Lebens zu treffen, wäre es wichtig, wenn man möglichst bald zu Beginn seiner Krankheit wüsste, wie schnell oder wie stark sie verlaufen wird. Es gibt zwar mittlerweile einige hochwirksame Wirkstoffe, die den Verlauf einer MS sehr stark beeinflussen können, die verlaufsmodifizierenden Therapien, diese bringen jedoch auch stärkere Nebenwirkungen mit als vergleichsweise schwächere Mittel.

Das stellt für viele Patienten und Ärzte eine schwierige Entscheidung dar: Geht man die MS therapeutisch zu schwach an, drohen unnötig starke Symptome, mehr bleibende Behinderung und weniger Lebensqualität. Therapiert man hingegen Patienten mit einem milden Verlauf mit sehr stark wirksamen Mitteln, dann riskiert man vielleicht unnötig stärkere Nebenwirkungen. Zwischen erfolgreichem Hit-hard-and-early und einem Schießen mit Kanonen auf Spatzen ist alles möglich, solange man nicht weiß, was einen erwartet im Laufe der MS.

Helfen könnte bei der Krankheitsprognose die Optische Kohärenz-Tomografie (OCT). Sie liefert gewissermaßen über eine Art „Anhängsel“ des Gehirns (Sehnerv und Netzhaut) einen Blick auf den „Rest“ dahinter.

OCT: schnell und schmerzfrei zum Prognose-Marker

Noch wird die OCT nicht in der Praxis eingesetzt, doch in den vergangenen rund sechs Jahren mehren sich die positiven Studienergebnisse dazu: Je dünner die Netzhaut im Auge, desto wahrscheinlicher erfährt der Patient in Zukunft eine verstärkte Krankheitsprogression. Das bedeutet bei Multipler Sklerose: mehr Schübe, mehr Symptome, zunehmende Behinderungen. Umgekehrt wiederum spricht eine geringere Abnahme dieser Augenschicht für einen milderen Verlauf.

Gemessen werden kann die Dicke einer Netzhaut mit der Optischen Kohärenztomografie, kurz OCT. Mittels der OCT-Bildgebung entstehen durch Infrarotlicht-Aufnahmen hochauflösende Bilder der Netzhautschichten. Die Geräte dazu stehen nicht nur beim Augenarzt, sondern auch bereits in vielen neurologischen Zentren. Der Aufwand ist verglichen etwa mit einem MRT oder einem Bluttest sehr gering, schmerzfrei und schnell passiert: Rund 5 Minuten pro Auge müssen Arzt und Patient dafür investieren, so PD Dr. Benjamin Knier im AMSEL-Video anlässlich der Verleihung des Sobek-Nachwuchspreises 2020:

Der internationale Forschungsverband IMSVisual veröffentlichte bereits 2016 Studienergebnisse zum Zusammenhang zwischen Netzhaut und MS-Progression, Berlin folgte 2017 und Münchner Forscher 2018. Nun hat auch die Med-Uni Wien Studienergebnisse veröffentlicht, hier speziell zu Netzhautveränderungen im Zusammenhang mit einer Sehnerventzündung. Der Sehnerv ist ein Ort im ZNS, der, neben einigen anderen, bei MS häufig beschädigt wird.

OCT-Messungen ergänzend zum MRT

Der Grund für die Abnahme der Netzhautstärke ist die Atrophie von Ganglienzellen im Zuge der MS. Dh, diese Zellen sterben ab und daher wird auch die Netzhaut dünner.

Die Info über die Netzhautschichtdicke mit OCT-Messung kann also Ärzten und Patienten helfen. OCTs sind zwar günstiger als MRTs und erzeugen auch keine Platzangst, aber:
MRTs ersetzen wird die OCT sicher nicht, dafür ist die Aussagekraft von MRTs zu umfangreich. Doch könnte die OCT in nicht allzu ferner Zukunft eine wertvolle Ergänzung zum MRT darstellen und ein wichtiges Tool, wenn es darum geht, welchen Wirkstoff man wählt: eher

  • ein Medikament der Wirksamkeitskategorie 1 (für milde und moderate Verläufe),
  • der Wirksamkeitskategorie 2 (mittelstarke Verläufe) oder
  • Wirksamkeitskategorie 3 für (hoch-) aktive Verläufe.

Quellen: Lancet Neurology, 18.03.2016; JAMA Neurology, 01.07.2017; JAMA Neurology, 01.09.2018; Neurology, 02.08.2022.

Redaktion: AMSEL e.V., 25.08.2022

Author: mello

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