Remyelinisieren mit einem Zucker?

Bisher zeigte sich der Effekt erst in der Petrischale. Das Forscherteam aus Hannover nennt ihn dennoch „frappierend“. Und will an dem körpereigenen Zucker weiter forschen, damit Menschen mit MS möglichst bald von der Polysialinsäure profitieren können.

Immer häufiger berichten Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt über Untersuchungen zur Remyelinisierung bei Multipler Sklerose. Noch ist kein Medikament zugelassen, um die durch die MS beschädigten Myelinhüllen um die Nervenzellen herum wiederherzustellen (siehe auch das AMSEL-Video zum Thema mit Prof. Mathias Mäurer vom Juli 2023). Einen ganz neuen Ansatz entdeckte jüngst ein Forscherteam aus Hannover: den körpereigenen Zucker Polysialinsäure.

Mikroglia als Schlüsselzellen vor Ort

Sein Ziel sind die Mikrogliazellen im Gehirn. Mikroglia sind dort für verschiedene Dinge zuständig. Unter anderem beseitigen sie beschädigte Zellen und suchen nach Verletzungen oder Infektionen. Finden sie welche, dann schütten sie selbst Zytokine aus und senden Signale, wodurch Immunzellen wie T- und B-Zellen von außerhalb des Gehirns an Ort und Stelle kommen.

Mikroglia verfügen über einen Rezeptor für Polysialinsäure (der Rezeptor nennt sich Siglec-E). Sobald das Zuckermolekül Polysialinsäure an diesen Rezeptor bindet, wechseln die Mikroglia ihren Zustand von entzündungsfördernd auf entzündungshemmend. Neu ist, und dies haben die Forscherinnen und Forscher aus Hannover entdeckt, dass sich dieser Mechanismus auch auslösen lässt, wenn man diesen körpereigenen Zucker von außen hinzugefügt. Die Folge: Zuvor zerstörte Myelinhüllen werden durch die Polysialinsäure fast vollständig erneuert.

„Selbstheilungskräfte aktivieren“ – mit Polysialinsäure?

Soweit jedenfalls die Ergebnisse mit Gewebeschnitten in der Petrischale. Definitiv handelt es sich dabei um Zukunftsmusik, wenngleich die Ergebnisse doch erstaunlich sind. Die Forscher selbst fanden sie „frappierend“. Dr. Lara-Jasmin Schröder von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärte, eine Aktivierung der Selbstheilungskräfte im Gehirn wäre eine vielversprechende Unterstützung in der MS-Therapie, die derzeit ausschließlich auf das Immunsystem außerhalb abziele.

Das Forscherteam der MHH zeigt sich optimistisch, dass dieser Mechanismus auch im lebenden Organismus funktioniere. Da der Mikrogliarezeptor ausschließlich auf den Mikrogliazellen des Gehirns vorkomme, könne die Polysialinsäure dort ganz gezielt eingreifen. Da Entzündungen im Gehirn insgesamt damit gesenkt würden, wäre ein Einsatz bei anderen neurodegenerativen Krankheiten auch denkbar, so Dr. Hauke Thiesler.

Als nächsten Schritt möchte das Team die Ergebnisse im Tiermodell überprüfen. Geplant ist die intensive Zusammenarbeit mit anderen Forschungsgruppen und MS-Experten. Erst danach können erste Studien mit Patienten erfolgen und dann muss sich zeigen, wie das Wirkungs-Nebenwirkungsprofil aussieht. Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt außerdem, ob die Polysialinsäure wie ein Immunmodulator, wie ein Kortison (als Stoßtherapie bei Bedarf) oder kontinuierlich als Add-On eingesetzt werden könnte.

Aufmerksame Leser erinnern sich vielleicht an eine frühere Meldung hier auf amsel.de zu einem Einfachzucker, der möglicherweise Nervenzellen remyelinisieren könnte. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Ansätze. Die AMSEL-Onlineredaktion behält aber auch hier aktuelle Entwicklungen im Auge und wird gegebenenfalls darüber berichten.

Quelle: Frontiers, 10.07.2023.

Redaktion: AMSEL e.V., 23.08.2023

Author: mello

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